KRONAN

Liebeserklärung an ein Fahrrad

Text · Mathias Lösel

Man mag es ihnen von Herzen gönnen, all den Herstellern von Outdoor-Equipment, Sportgeräten und gehobener Freizeitkleidung, die seit Jahren zweistelligen prozentualen Zuwachs verzeichnen; aus rein wirtschaftlicher Sicht ist die Expansion dieser Marktsegmente begrüßenswert und eine Sättigung beim Konsumenten offenbar bis auf Weiteres nicht in Sicht.

Aus stilistischer und geschmacklicher Sicht ist dieser Boom hingegen ein großes Missverständnis: Von Jahr zu Jahr werden die Fußgängerzonen bundesdeutscher Großstädte von immer mehr Fehlgeleiteten bevölkert, die bei einsetzendem leichten Nieselregen wie auf ein geheimes Zeichen kollektiv brandteure Multifunktionsjacken spazieren tragen, mit denen man problemlos einen 7000er im Karakorum besteigen könnte (und für exakt diesen Zweck wurden sie auch von Mammut oder The North Face konzipiert); synonym verhält es sich mit Schuhwerk, Softshells

oder sonstiger Edelausstattung zum Preis eines Kleinwagens, verspricht der Erwerb dieser meist zweifellos hervorragend verarbeiteten Güter doch einen Hauch von Abenteuer und Wildheit im Alltag; auch wenn sie in genau diesem eigentlich nichts verloren haben.

So auch beim Zweirad. Vor Jahren traf ich mich eines Abends mit einem guten Freund vor der Bar unseres Vertrauens und erntete ein milde-bedauerndes Lächeln, als ich von meinem 21-Gang-Mountainbike stieg, mit dem ich mich zuvor in vertraut grotesker Körperhaltung durch die Innenstadt bewegt hatte. Ich könne damit ja gerne die Salzwüsten Boliviens oder die Steilküsten Irlands durchradeln, meinte mein Freund, aber doch bitte nicht die Parks und Boulevards unserer Heimatstadt.

Während er dies sagte, lehnte er lässig an einem schwarzen, prachtvollen Ungetüm, das trotz seiner offensichtlichen Wuchtigkeit und Schwere eine stille und zeitlose Eleganz ausstrahlte, die mich sofort vereinnahmte. Das sei ein Kronan, sagte mein Kumpel, und wenn ich dieses Fahrrad einmal liebgewonnen hätte, würde ich kein anderes mehr fahren wollen. Er sollte recht behalten.

Die Geschichte von Kronan ist schnell erzählt, was sie jedoch kein bisschen weniger charmant macht: 1939 wurden in Malmö die ersten Fahrräder für das schwedische Militär gebaut, die der besonderen Anforderung gerecht werden sollten, sowohl extrem widerstandsfähig und stabil als auch möglichst einfach und funktionell zu sein. Die Fahrräder erfreuten sich in der Folge größter Beliebtheit bei den Soldaten, waren sie doch tatsächlich schlichtweg nicht kaputtzukriegen und dank ihrer breiten Ballonreifen sogar querfeldein in Matsch und Schnee zu fahren.

Mit der Modernisierung der Armee gerieten die Kronans (= „Krone“, wie das schwedische Militär umgangssprachlich genannt wurde) in Vergessenheit, bis schließlich 1997 die Studienkollegen John Wahlbäck sowie Henry und Martin Avander aus Uppsala ihre Liebe zu den schweren Drahteseln entdeckten, die alten Militärbestände aufkauften und in ihrem Freundeskreis anboten. Die Kronans wurden sofort ein Renner und waren binnen kürzester Zeit ausverkauft, so dass die drei sich entschlossen, eine Firma zu gründen (Kronan AB), dem schwedischen Verteidigungsministerium die Originalbaupläne abzukaufen und fortan neue Kronans strikt nach altem Vorbild herstellen zu lassen.

Dank dieser drei geschäftstüchtigen und traditionsbewussten Herren – und dank manch treuem und dem Guten verpflichteten Fahrradimporteur – ist also nun dieses schlichte Juwel in nahezu ganz Europa wieder zu beziehen (auch wenn es, so sei fairerweise erwähnt, inzwischen nicht mehr in Schweden, sondern in Polen gefertigt wird).

Hat man eines erworben, so muss man sich seine Liebe allerdings erst einmal mühsam erkämpfen: In der Basis-Ausstattung bringt das Ding weit über 20 kg auf die Waage, was man spätestens dann in den Beinen merkt, wenn man die erste leichte Steigung hinter sich hat. Da schafft nur ein Blick auf die wenn auch wenigen, so doch wunderschönen Details des Kronan schnelle Abhilfe: Sei es die Trommelbremse vorne, sei es der kugelige Scheinwerfer aus Chrom, die ulkige Dreh-Bimmel oder die lässige Luftpumpenröhre – genau so muss die ideale Verbindung aus Zeitlosigkeit und Stil, Wertigkeit und Coolness aussehen. Und in Sachen Verarbeitung kann dem guten Kronan wirklich kaum jemand das Wasser reichen: Rostfreie Speichen, ein unverwüstlicher Stahlrahmen, ein stattlicher Gepäckträger mit Doppelfederklappen, die locker einen Kasten Bier und bis zu 30 kg Gewicht halten, sowie die Gewissheit, dass man lediglich einen Inbus- und einen Maulschlüssel für Einstellung und Reparatur benötigen wird – dies sind nur ein paar der offensichtlichen Stärken,

die das Kronan zu einer echten Investition fürs Leben werden lassen; übrigens zu einer vergleichsweise günstigen, denn hierzulande ist das gute Stück für etwa 550 – 600,- € zu haben.

Veredeln lässt sich das Kronan (z. B. mit dem obligatorischen Brooks-Ledersattel) genau so leicht, wie es sich runterstrippen lässt – das etwas groß geratene Nummernschild am hinteren Schutzblech gehört zwar zweifellos zu den Erkennungsmerkmalen des Rads, wirkt aber leicht affig und sollte von Besitzern mit Understatement entfernt werden. Und so wird man auch noch in vielen Jahren Freude an diesem perfekten Begleiter für die Stadt haben und sich an die Worte des weisen Freundes erinnern: „Wenn’s mal rollt, dann rollt es“.

www.kronan.com