Leise Grüße aus Nashville

An manchen Abenden hat man Glück.

Da gibt es diesen Augenblick im Anschluss an ein Lambchop-Konzert, den der geneigte Fan den ganzen Abend über herbeigehofft hat und von dem der Ersthörer, der keine zwei Stunden zuvor zum ersten Mal in das kleine Universum dieser großen Band eingetaucht und sich dabei immer sicherer geworden ist, selbiges nie mehr verlassen zu wollen, nur durch ein konspiratives Flüstern erfahren hat:

Da hockt manchmal Kurt Wagner, der höchst eigenwillige Kopf der noch eigenwilligeren Großkapelle aus Nashville, Tennessee, in einer Ecke neben dem kleinen Merchandising-Stand, zieht genüsslich an einer Zigarette und sucht den Kontakt, um sich bei jedem Einzelnen für den jahrelangen Support seiner Band zu bedanken.

Text: Mathias Lösel · Foto: Lambchop

Kommt man dabei mit ihm ins Gespräch, fällt einmal mehr diese Stimme auf, die aus nächster Nähe noch dunkler, trockener, knarziger, gleichzeitig aber unendlich warm und herzlicher erscheint als noch soeben live auf der Bühne. Und wenn einen dann zwischen breitem Brillenrand und dem Schirm seiner John-Deere-Basecap diese gewitzten Augen anlinsen – spätestens dann ahnt man, warum kaum ein anderer Musiker seit Jahren eine derartige Meisterschaft im Verfassen hintergründiger, feinfühliger und überzeugender Alternative Country-Songs erreichen konnte.

Erste Aufmerksamkeit erlangte die bunt zusammengewürfelte Truppe aus lokalen Multi-Instrumentalisten, als die Musikindustrie nach dem ausklingenden Britpop-Hype Mitte der 90er Jahre das nächste große Ding suchte, das man umgehend unter dem verkaufsfördernden Claim „Quiet is the new loud“ gefunden zu haben glaubte. Darunter fanden sich Künstler wie Yo La Tengo, Vic Chesnutt, Calexico oder die britischen Tindersticks genauso wieder wie Lambchop mit ihrem Debütalbum „I Hope You’re Sitting Down“ und dem hervorragenden Nachfolger „How I Quit Smoking“. Nach zwei weiteren, teilweise von Curtis Mayfield beeinflussten und kommerziell nur mäßig erfolgreichen Ausflügen in soul-geprägte Folk-Musik folgte im Jahre 2000 mit dem Longplayer „Nixon“ der Durchbruch: Hier fand die Band um Wagner, der bis kurz zuvor noch sein täglich Brot in seinem ursprünglich erlernten Beruf als Parkettleger verdienen musste, ihren signature sound; stetig wandernd zwischen klassischem Country und Jazz-, Orchester- oder Neo Folk-Einflüssen wurde hier mit höchster musikalischer Finesse bei gleichzeitig äußerst angenehm unprätentiöser Coolness der Beweis angetreten, dass man als amerikanischer Musiker durchaus eine Lap Steel Guitar spielen kann, ohne zwangsläufig die Republikaner zu wählen. Die mitunter politischen Texte, die sich hinter den sparsamen und leisen Arrangements verbergen, dürfen im Nachhinein mit gutem Gewissen als Parallelentwicklung dessen bezeichnet werden, was nur wenige Jahre zuvor der große Johnny Cash mit seinen American Recordings eingeleitet hatte: die Entrümpelung des Great American Songbook, die Befreiung der Country & Western Music vom reaktionär instrumentalisierten Muff der vorangegangenen Jahrzehnte.

Die Single-Auskopplung „Up With People“ bescherte Lambchop anschließend einen ersten amtlichen Indie-Radio-Hit und trug ein großes Versprechen in sich, welches nur zwei Jahre später mit „Is A Woman“ eingelöst wurde: Publikum und Presse überboten sich regelrecht in Lobpreisungen des neuen Albums. Selbst ein ernsthafter Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung ließ sich zu der Feststellung hinreißen, hierbei handele es sich um eine der zehn großartigsten und wichtigsten Platten aller Zeiten. Die musikalische Eigenständig- und Unverwechselbarkeit, komprimiert in etwas über 60 berauschenden Minuten, lässt sich in der Tat allerhöchstens noch mit dem umschreiben, was Bob Dylan einst als „healing music“ bezeichnete.

Wer auf der anschließenden Europatournee, die der Band erstmals größere Hallen bescherte, nun allerdings eine ernste, introvertierte Schicksalsgemeinschaft aus musikalischen Intellektuellen erwartet hatte, wurde zur großen Freude vom Gegenteil überzeugt – warum sollte es sich die zwischenzeitig auf bis zu 15 Mitglieder anwachsende Combo bei aller künstlerischen Genialität auch nehmen lassen, zwischen ihren Songs ein paar restlos versaute Witze über Rednecks und deren Beziehung zu „donkey dicks“ zu erzählen und dabei dreckiger zu lachen als ein Whiskey-Brenner aus Tennessee?! Genau so sollte ein Spagat zwischen großer Kunst und großer Authentizität aussehen, und genau dies macht die Band – auch nach all den Jahren und weiteren tollen Studioalben wie unter anderen „Damaged“ (2006) oder „Mr. M“ (2012) sowie unzähligen Soloprojekten von Kurt Wagner – immer noch anhaltend spannend und bereichernd.

Und so werden Lambchop auch weiterhin das Kunststück vollbringen, dass man sich bei jeder neuen Tour und jedem neuen Album niemals sicher sein kann, ob sie demnächst im Underground-Club um die Ecke oder in der Philharmonie der nächstgelegenen Großstadt spielen werden.

Wer nach all dem noch nicht genau weiß, wie er diese einzigartige Band musikalisch verorten soll, dem sei die Coverversion des Sisters of Mercy-Klassikers „This Corrosion“ aus dem Jahre 2002 ans Herz gelegt. Bei der wäre selbst Johnny Cash schwerstens neidisch geworden.

www.lambchop.net