Schmetterlinge und Fliegen

Krawatten sind nicht jedermanns Sache. Sie muss immer in der perfekten Länge gebunden
und sorgfältig gesichert oder verstaut werden, damit sie nicht störend vor dem Wanst baumelt.
Die Alternative ist der Querbinder, mit dem Mann sich allenfalls zu nackt auf der Brust
vorkommen kann. In der Seltenheit, in der die Fliege, oder lieber Schleife, anzutreffen ist, zieht sie immer etwas mehr Aufmerksamkeit als ihr langer Verwandter auf sich –
besonders in der selbstgebundenen Form.

Text · Stefanie Kobayashi · Fotos: The Heritage Post

Das mag auch ein Grund dafür sein, warum die Schleife selten geworden ist. Viele Männer wissen einfach nicht, wie eine Schleife gebunden wird. Und die Alternative dazu – eine festgebundene Schleife (und anschließend geklebt oder getackert, damit dieser Zustand auch so bleibt) ist für alle, die etwas auf sich halten, indiskutabel. Von weitem betrachtet sieht Mann damit ebenfalls adrett und besonders aus, der Schwindel fliegt jedoch schnell auf. Die Perfektion der Fertiggebundenen ist trügerisch, denn grade die Kunst des Bindens, bei der die Flügel unweigerlich etwas schräg werden können, machen den Charme des Handgebundenen aus. Spätestens, wenn Mann sich etwas Luft verschafft und die „Flügel“, die zwei Enden der Schleife, lässig herunterhängen lässt, trennt sich der stilbewusste Mann vom Möchtegern.

Die Schleife gehört bereits vor der Krawatte, dem Langbinder, zur männlichen Garderobe. Wenn auch in ihrer Ur-Form: einem quadratischen Tuch, welches über die Diagonale gefaltet und anschließend verknotet oder als Schleife gebunden wurde. In den Überlieferungen waren die kroatischen Soldaten im Dreißigjährigen Krieg die ersten, die aus pragmatischen Gründen eine solche Mode kreierten. Sie banden sich mit Tüchern den Kragen des Hemdes zusammen, um den Hals und den Nacken warm zu halten. Französische Soldaten schauten sich diesen Vorläufer von Fliege und Krawatte ab und brachten die Idee mit in die Heimat.

Mitte des 17. Jahrhunderts wurden diese Halstücher ein schmückender Teil der Herrengarderobe. Die parallel entstehenden Vorläufer der Krawatte, kunstvoll aus Spitze gefertigt, blieben ein kostspieliges Privileg der Adligen und des Königs. Die Schleife hingegen wurde das Accessoire des Bürgertums. Maximilien Robespierre, Mitverantwortlicher der Französischen Revolution, wurde in seinem bekanntesten Portrait mit einer stattlichen Schleife dargestellt, wie sie derzeit üblich war. Doch es gab zwei andere Schlüsselfiguren während des Übergangs vom 18. zum 19. Jahrhundert, welche die Schleife zu einem Mode-Objekt machten. Der 1781 geborene Boxer James Belcher erkämpfte sich im jungen Alter von 20 Jahren den Titel Champion of England im „bare-knuckle boxing“. Mit gemusterten Tüchern band sich der „Napoleon of the Ring“ eine Schleife, die als „Belcher“ auf der Insel zu einer Modeerscheinung wurde.

Ganz schlicht dagegen musste es bei George Bryan Brummell, dem geistigen Vater des Dandy Stils, zugehen. Nach seiner Überzeugung durfte die Kleidung eines Gentlemans in keinem Fall etwa verspielt, auffällig oder unordentlich sein. Für seine Schleifen benutzte er strahlend weiße, feine und gestärkte Leinentücher. Gelang das Binden einmal nicht, musste ein neues Tuch her, bis die Schleife perfekt war. Perfekt musste auch die restliche Kleidung aufeinander abgestimmt sein – so brauchte der „Beau“ Brummell nach eigenen Angaben fünf Stunden, bis er erhobenen Hauptes aus der Tür spazieren konnte.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam die Gegenbewegung zur bürgerlichen Steifheit. Intellektuelle und Künstler wie Gustave Flaubert, Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé trugen eine lässig gebundene Künstlerschleife aus einem schmaleren, weichen, dunklem Tuch. Damit wurde nicht wie zuvor der ganze Hals bedeckt, sondern nur noch unter dem Kragen entlang das Hemd zusammengebunden.

Die Schleife, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich in Frankreich aus dieser Künstlerschleife als nœud papillon = Schmetterlingsknoten. Diese Schmetterlingsschleife, in Fachkreisen „Diamant point“ genannt, zeichnet sich durch die geschwungenen Flügel an den beiden Enden aus – wohingegen die Schleife zum Smoking, die „Opera“, zwei gerade verlaufende Flügel hat.

Doch mit der Zeit wurde die Schleife durch die Präsenz der Krawatte in den Hintergrund verdrängt und nur noch von einem elitären Grüppchen zur Schau getragen. Neben dem Schmetterling tauchte die Fliege auf. Dieser heute wesentlich bekanntere Begriff hat unter Kennern ganz klar eine negative Belegung. Die Schleifenmanufaktur aus Wiesbaden erklärt ihren Charakter folgendermaßen: „Die Fliege ist der billige Bruder der Schleife. Lieblos wird sie in großen Fabriken, meist aus Polyesterstoffen bestehend, industriell zusammengetackert. Ein Binden dieser Betonfliege ist nicht möglich. Individualität ausgeschlossen. Billige Häkchen ermöglichen eine stufenlose Regulierung der Das ist zwar praktisch, aber unschön. Fliegen haben Ihre Berechtigung in Serviceberufen wie z.B. bei Bedienungen, Kassenpersonal, etc.“

Die Schleife hingegen, das handgebundene schmückende Halswerk, ist weitaus seltener zu finden. Aber die Suche ist nicht vergebens. Immerhin gibt es in Deutschland wieder ein paar Manufakturen, die sich in deutscher Wertarbeit dem Thema widmen. Aus feinster Seide und Handarbeit entstehen Selbstbinder, aber auch vorgebundene Selbstbinder – ohne Kleber und Tackernadeln.

Ganz klassisch und elegant sind unifarbene Schleifen aus weißer oder schwarzer Seide – perfekt zum Smoking. Aber auch zum Anzug und sogar zur Jeans lassen sich schöne Schleifen gut kombinieren und lassen ihren Träger fröhlich, sympathisch und auf jeden Fall interessant wirken. Hauptsache nicht zu grell oder gar in Verbindung mit bunten Punkten. Denn es könnte auch passieren, mit einer Schleife vollkommen albern auszusehen. Den Clowns sei Dank.

Wild gemustert, aber trotzdem nicht albern sind die bow ties von the hill-side. Sie werden in New York gefertigt aus Chambray, Baumwolle und besonderen alten Stoffen. Ein Video auf der Internetseite erklärt dazu auch, wie Mann sie anlegt: Eine Schleife zeigt, wie sie sich selbst bindet.

Dank diesen Anleitungen in bewegten Bildern dauert die Auseinandersetzung mit der Technik nicht lange. Es ist nur ein einziger kleiner Handgriff dabei, der die Schwierigkeit ausmacht. Der Rest ist Übung und Routine, damit die Schleifen immer besser gelingen. Denn das Prinzip ist das gleiche wie beim Binden der Schuhe. Die rechte Seite muss nur bei der Schleife etwas länger sein, weil sie die Schlaufe bildet, welche die Schleife zusammenhält. Mann lege die rechte längere Seite über die linke und forme einen lockeren Knoten, auf die Endlänge bereits angepasst. Mit dem linken Flügel forme Mann die Schleife, wie sie sein sollte. Und lege das andere Ende schön grade über die Mitte. Jetzt das Schwierige: Dieses Ende muss von rechts vorgefaltet durch die entstandene Schlaufe gezogen werden. Dann nur noch festziehen, grade zupfen, fertig! Und erhobenen Hauptes denen entgegen treten, die meinen, jede modische Errungenschaft in die Lächerlichkeit ziehen zu müssen, da ihnen das entscheidende fehlt: Stilsicherheit und Klasse. Halsweite.