Japan und seine Jahreszeiten

Japan zur Kirschblüte – jeder kennt diese Bilder, die Fernweh wecken, obwohl es das Spektakel der rosa Blüten mittlerweile sogar in Bonn gibt. Aber es sind nicht nur die Blüten die „O-Hanami“ besonders machen. Es ist das große Ganze.

Text · Stefanie Kobayashi

Im Shintoismus, der ursprünglichen Religion Japans, ist der Glaube an die Kräfte der Natur prägend.

Wörtlich als der Weg der Götter übersetzt, wird vereinfacht ausgedrückt all den Geistern, Göttern und Naturgewalten – die „den Menschen überlegenen“ Kami – Dank und Ehre durch kleine Opfergaben erwiesen. In diesem Kontext wurde schon vor über 1200 Jahren das Betrachten der Blüten im Frühjahr zelebriert. Zwar blühen schon vor der Kirschblüte (Sakura) bereits Pfirsich (Momo) und Pflaume (Ume), doch die Kirschblüten kündigten die Saison für den Reisanbau an und wurden entsprechend mit zeremoniellen Gaben an den Wurzeln der Bäume willkommen geheißen. Der kaiserliche Hof übernahm diesen Brauch und veranstaltete Festmähler mit viel Sake unter den blühenden Kirschbäumen und seit der Edo-Zeit (1600 – 1687) begann auch das einfache Volk O-Hanami zu feiern.

Es ist also Reisezeit, was schon mal zu Engpässen bei der Hotelbuchung führen kann. In vielen Regionen Japans gibt es spezielle Orte, an denen die Blütenschau ganz besonders schön anzusehen ist, beispielsweise mit dem an sich schon malerischen Vulkan Fuji-san im Hintergrund oder auf der Insel Miyajima mit ihrem im Wasser stehenden Torii Gate oder vor Himejijō, der strahlend weißen Burg in Himeji. Doch um in die japanische Kultur einzutauchen, sind vor allem die Parks in Tokyo wie beispielsweise der Ueno Park und der Yoyogi Park beliebt, in denen die Schau zum Fest wird. Mit Picknickdecken bewaffnet, sichern sich die Japaner einen der umkämpften Plätze unter den Kirschbäumen, bringen sich O-Bento mit – ein gesamtes Mittagessen in einer kleinen Box komprimiert – reichlich Bier und Sake und betrinken sich gerne auch mal zur Besinnungslosigkeit. Weil es so schön ist.

Um noch einmal zurück zum Frühling zu kommen: Anfang April gibt es ebenfalls ganz in der Nähe von Tokyo, in Kawasaki, ein äußerst kurioses Fest: das Kanamara Matsuri. Hier wird das „Fest des stählernen Penis“ gefeiert, bei dem die Götter um Fruchtbarkeit und sichere Geburten gebeten werden, was in Zeiten der Überalterung sicher sinnvoll ist. Auch dieses Fest geht auf das 17. Jahrhundert zurück, als die Prostituierten während der Kirschblüte feierliche Umzüge durch die Straßen machten, um für gute Geschäfte und für Schutz vor der Syphilis zu beten. Außerdem gibt es eine abenteuerliche Geschichte zu dem Schrein und dem Fest, in der eine Jungfrau von einem verliebten Dämon mit scharfen Zähnen besessen war. Sie können sich denken, wo er sich einnistete und was er dann mit zwei jungen Männern gemacht haben soll … bis er sich an einem stählernen Penis die Zähne ausbiss.

Nach der Regenzeit zwischen Frühling und Sommer wird es in Japan richtig heiß und schwül. Im Sommer herrscht in Japan eine enorme Luftfeuchtigkeit – gleichzeitig ist es ein regelrechtes Wechselspiel von heiß und kalt, da die meisten Geschäfte so stark klimatisiert werden und einem draußen eine Wand aus schwüler Luft entgegenschlägt. Aber auch im Sommer lässt es sich aushalten: in Wäldern ist es fast immer angenehm und hier und da kann in kristallklarem Pazifikwasser gebadet werden. Stundenlange Tempel-Besuche können zwar anstrengend sein, aber es ist üblicherweise nicht ganz so voll an den Plätzen, die man laut jedem Reiseführer gesehen haben muss, zum Beispiel in Kyoto. Und auch nur zu dieser Jahreszeit ist es überhaupt möglich, den heiligen Berg Fuji-san zu besteigen. Was am Sommer in Japan aber wirklich einmalig ist: Egal wo man gerade ist, fast überall werden Feste gefeiert. Bei brennender Hitze schleppen kaum bekleidete Japaner riesige tragbare Schreine auf ihren Schultern durch die Städte. Ganze Festumzüge – und alles für die Götter. Begleitet werden diese Feste meist mit abschließenden Feuerwerken (Hanabi), die in Japan klugerweise nicht im Winter zu Sylvester in die Luft gejagt werden, sondern dann, wenn es warm ist und man es sich erneut mit Picknickdecke, Essen, massig Bier und Sake gemütlich machen kann. Zu solchen Gelegenheiten tragen die meisten Japaner ein Yukata, ein traditionelles Kleidungsstück aus Baumwolle, das als leichte und alltäglichere Variante des Kimonos gilt. Zu den eindrucksvollsten Hanabi, was Feuerblume bedeutet, gehören die Festivals Nagaoka, Miyajima, Kumano und Kachimai, wie auch die Wettbewerbe Omagari und Tsuchiura und nicht zu vergessen das Sumidagawa Hanabi Taikai in Tokyo Ende Juli, das am frühen Abend über anderthalb Stunden geht. Aber auch Feuerwerke sind wie so vieles in Japan nicht einfach nur schön – sie sollten in vergangenen Zeiten die Seelen der Toten besänftigen und Plagen von den Städten fernhalten.

Der frühe Herbst bringt viele Taifune mit sich, die es im letzten Jahr in sich hatten. Der Monstertaifun „Hagibis“ traf im letzten Oktober mit einer ungewöhnlichen Route direkt auf die Hauptinsel Honshu unweit von Tokyo auf Land und mit seinen 1400 Kilometer Durchmesser hätte er ganz Honshu verschlucken können.

Glücklicherweise verlor er noch kurz vorher an Kraft, brachte jedoch immer noch dermaßen viel Regen mit sich, dass Flüsse in kürzester Zeit zu reißenden Strömen wurden. Es hätte nicht viel gebraucht, da wären Teile von Tokyo überflutet worden, doch die Götter waren wohl gnädig. Stattdessen traf es allerdings wieder Präfekturen, die es immer abbekommen: Chiba, Fukushima und Nagano standen bis zum Hausdach im Wasser.

Ende Oktober wird es allerdings normalerweise wieder richtig angenehm, mit Temperaturen um die 20 Grad. Es ist die Zeit, um in die Wälder zu gehen und sich von ihren Früchten zu ernähren – es ist erstaunlich, was für Köstlichkeiten die Japaner aus Esskastanien zaubern können. Aber das großartige japanische Essen ist ja noch ein anderes Thema. Die Ahörner färben ihr Laub rot und wie die Kirschblüte wandert die Farbe vom Süden in den Norden. Die zu der Zeit sicherlich sehr überlaufene ehemalige Kaiserstadt Kyoto bietet auch in dieser Jahreszeit eine Explosion von Eindrücken: Das alte Japan mit seinen Sehenswürdigkeiten, gepaart mit dem Naturspektakel auf engstem Raum. Uralte Holztempel aus dem 8. Jahrhundert gibt es auch in Nara zu bewundern, das zu jener Zeit die Hauptstadt von Japan war. Hier taucht man wirklich in das historische Japan ein, muss sich aber gleichzeitig vor zutraulichen Hirschen in Acht nehmen. Sie sind so sehr an Touristen gewöhnt, dass sie alles – sogar Reisepapiere – für essbar halten.

Für Wanderlustige gibt es auf der Halbinsel Kii, südlich von Nara und Osaka, ein Netz aus sieben Pilgerpfaden: den Kumano Kodo. Es heißt, dass hier in den Bergen von Kumano eine heilige Gegend ist, in der die Götter verweilen. Auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung, Reinigung oder auch Selbstfindung wandert man auf Pfaden, die zu Teilen mit großen Steinen gepflastert sind und Treppenstufen formen – angelegt vor vielen hundert Jahren, bevor es all die arbeitserleichternden Maschinen gab. Als Attraktion kann man traditionelle Pilgerkluft ausleihen, um kleine Teile des Weges zu wandern, das heißt, in viele Lagen Stoff eingehüllt, mit abenteuerlichem Pilgerhut und mit primitivem beziehungsweise traditionellem Schuhwerk, das wie Flipflops aufgebaut ist. Davon abgesehen, die Natur, die hier erwandert werden kann, ist wirklich überwältigend, selbst wenn nur kleine Abschnitte der Pilgerpfade beschritten werden und man ist meistens ziemlich allein, da sich Reisende und Touristen oft mit Bussen zu den bedeutsamen Tempelanlagen karren lassen. Fast am unteren Zipfel dieser Region befindet sich allerdings auch die berüchtigte Hafenstadt Taiji, die durch ihre Delfin-Massaker in dem Film „die Bucht“ zu trauriger Berühmtheit kam. Von August bis April wird nach wie vor, mit dem Versuch der Geheimhaltung, Jagd auf die Delfine gemacht. Es ist also durchaus nicht alles schön in Japan – in manch einem Restaurant in dieser Gegend stehen die Meeressäuger sogar noch auf der Speisekarte.

Aber generell, wenn es raus aus den großen Städten geht, vorbei an Reisfeldern und kleinen Dörfern, in denen immer noch ein paar historische Häuschen oder kleine Schreine stehen, werden Flüsse plötzlich glasklar und das Grün der Pflanzen erfrischend strahlend. Schauen Sie sich das Hochlandtal Kamikōchi bei Nagano an. Ganz entspannt in einer Stunde von Tokyo erreichbar ist auch die Halbinsel Izu, die mit sieben Wasserfällen und tollen Gesteinsformationen, mit Wasabi-Feldern und schroffen Küsten Naherholung bietet.

Natürliche heiße und meist heilsame Quellen, sogenannte Onsen, die es in bestimmten Regionen gibt, sind ein großes Vergnügen für Japaner und Besucher und beliebte Reiseziele. Für die Benutzung gibt es natürlich strenge Regeln, aber die kennt jeder Reiseführer. Grundsätzlich zu jeder Jahreszeit eine heiße Erfrischung für den Körper, sind solche Bäder im Freien, wenn die Luft langsam kühl wird, besonders angenehm. Sie kennen sicherlich die Bilder der badenden Affen im Schnee? Beobachten kann man diese entspannten Schneeaffen mit ihren roten Köpfen in der Nähe von Nagano im Jigokudani Affenpark. Interessanterweise haben sich diese Affen das Tauchen selbst beigebracht, um Samen und Nüsse vom Beckenboden aufsammeln zu können. Aber wenn es in Japan kalt wird, ist es schöner sich selbst in den zwischen 35 und 45 Grad heißem Wasser zu erholen und wer dabei vom Schnee umgeben sein möchte, sollte sich in den Norden von Japan aufmachen. Zahlreiche Schneefeste finden im Januar und Februar statt, wie zum Beispiel das Yokote Kamakura Matsuri, das nicht in Kamakura, einer sehr sehenswerten Stadt mit riesigem Buddha (eine halbe Stunde von Tokyo entfernt) stattfindet, sondern in der Akita Präfektur.

Die Kamakura-Hütten sind traditionelle Schneehütten, die im Februar zusammen mit zahlreichen Schneelaternen die Stadt Yokote illuminieren.

Im Zao Onsen Skigebiet lassen sich im Winter eine Horde Schneemonster bestaunen, die durch heftigen Schneefall mit eisigen Winden die Berge hinaufzusteigen scheinen.

Beim Tateyama, einem Berg bei Toyama, bilden sich über die Wintermonate so hohe Schneemassen, dass es etwa drei Monate dauert, die Straßen frei zu räumen, das Sehenswerte sind dann die bis zu 17 Meter hohen Schneewände, die aus den Straßen einen weißen Korridor machen. Und natürlich gibt es im Winter viele Lichterfeste mit ungewöhnlichen Illuminationen.

Am Ende ist es unmöglich, die Vielfalt Japans in einem Artikel zu erfassen. Wenn Sie also in Erwägung ziehen, dieses Land zu besuchen, planen Sie ordentlich Zeit ein, es lohnt sich, auch mal abseits der Touristenpfade zu gehen. Und keine Angst vor der Sprache, immer mehr Japaner sprechen ein bisschen Englisch, das Internet hilft beim Finden von einer schönen Bleibe und im Notfall kommt man schon mit Händen und Füßen klar. Es können zwar durch die Sprache kuriose Situationen entstehen, aber nehmen sie es mit Humor, solche Dinge vergisst man sein Leben lang nicht. Nur so viel sei gesagt, wenn Sie mit den Brocken Japanisch, die sie aus dem Reiseführer gelernt haben, versuchen, eine Flasche Sake zu bestellen, könnte es durchaus sein, dass Sie eine Flasche Schnaps bekommen, denn Sake bedeutet auch Alkohol generell. Nihonshu wäre da die bessere Wahl, um auf die Jahreszeiten anzustoßen.